Percy Strother: Biografie eines außergewöhnlichen Blues-Gitarristen
Manche Lebensgeschichten tragen den Blues bereits in sich, noch bevor die erste Note gespielt wurde. Percy Lee Strother gehört zu jenen Musikern, deren Biografie so eng mit dem Schmerz und der Sehnsucht des Blues verwoben ist, dass man beides kaum voneinander trennen kann. Sein Leben war ein langer, beschwerlicher Weg – und genau dieser Weg machte ihn zu einem der authentischsten Bluesgitarristen seiner Generation.
Kindheit und die Straße als erstes Zuhause
Percy Strother wurde am 23. Juli 1946 in Vicksburg, Mississippi, geboren – mitten im Herzen des Delta Blues, jenem mythischen Landstrich zwischen Mississippi und Yazoo River, aus dem so viele der großen Blueslegenden stammen. Doch das Schicksal meinte es von Anfang an nicht gut mit ihm: Sein Vater kam gewaltsam ums Leben, als Percy noch ein Kind war. Kurz darauf starb auch seine Mutter. Statt in einem Waisenhaus zu landen, entschied sich der Junge für die Straße.
Jahrelang trieb er sich durchs Land, schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch und kämpfte gegen eine schwere Alkoholsucht. Es war der Blues, der ihn schließlich rettete – oder besser gesagt: Er war es, der den Blues rettete.
Wie der Blues ein Leben wendete
Irgendwann entdeckte Strother die Musik, brachte sich selbst das Gitarrenspiel bei und fand in ihr einen Anker. Er nüchterte auf, übte in aller Stille und schärfte sein Spiel jahrelang, ohne groß in Erscheinung zu treten. Was wie verlorene Zeit wirkt, war in Wirklichkeit eine tiefe Schule – die Schule des Lebens selbst, die seinem Spiel später diese unverwechselbare Tiefe geben sollte.
Ab Mitte der 1970er Jahre wurde Minneapolis zu seiner Heimat. In der aufstrebenden Bluesszene der Stadt avancierte er zu einer prägenden Figur, Seite an Seite mit Musikern wie Lazy Bill Lucas. Minneapolis mag als Blues-Metropole weniger bekannt sein als Chicago oder Memphis – doch auch dort pulsierte eine lebendige, leidenschaftliche Szene, die Strother mitgeformt hat.
Discografie: Späte, aber kraftvolle Aufnahmen
Strothers Studiokarriere begann vergleichsweise spät. Sein Debütalbum A Good Woman Is Hard to Find erschien erst 1992, als er bereits Mitte vierzig war. Laut AllMusic dokumentiert diese Platte einen Musiker in voller Reife – keine unreifen Experimente, sondern ein fertiges, erfahrenes Spiel.
1995 folgte The Highway Is My Home, ein Album, das seinen Lebensweg fast schon programmatisch zusammenfasst. Alle zehn Eigenkompositionen tragen seine persönliche Handschrift; hinzu kommen zwei Cover-Versionen von Magic Sam. 1997 erschien It's My Time, das seine Position als ernsthafte Stimme des modernen Electric Blues weiter festigte.
Besonders bedeutsam ist das Album Home at Last aus dem Jahr 2001: Es wurde in Europa aufgenommen und markiert damit den Höhepunkt seiner langen Verbundenheit mit dem europäischen Publikum. Der Titel ist dabei kein Zufall – Europa hatte ihn längst ins Herz geschlossen.
Musikalischer Stil
Strothers Musik war eine dichte Mischung aus Electric Blues, Rhythm & Blues und Memphis Soul. Sein Gitarrenspiel kombinierte rohe Direktheit mit gefühlvoller Phrasierung. Songs wie „Blow Wind Blow", „Down Home Blues" oder „Killing Floor" zeigen, wie sicher er sich in der Tradition der großen Bluesvorbilder bewegte – ohne je eine bloße Kopie zu sein.
Europa entdeckt Percy Strother
Die europäische Bluesgemeinde erkannte früh, was sie an Strother hatte. 1993 unternahm er seine erste Europatournee mit Stationen in den Niederlanden und Belgien; er trat sogar live im niederländischen Radio auf. Im Jahr darauf kamen Frankreich und Deutschland hinzu. Die Resonanz war überwältigend.
Besonders das französischsprachige Publikum entwickelte eine tiefe Zuneigung zu ihm – ein Blues-Enthusiasmus, der in Frankreich und der Schweiz traditionell sehr ausgeprägt ist. Beim renommierten Lucerne Blues Festival in der Schweiz gehörte er zu den eingeladenen Künstlern, was die Wertschätzung für sein Schaffen auf dem europäischen Kontinent eindrücklich unterstreicht.
Ein Musiker, der seinen Blues lebte
Was Percy Strother von vielen anderen Bluesmusikern unterschied, war die absolute Glaubwürdigkeit seiner Musik. Hier spielte kein Akademiker den Blues nach, sondern jemand, der Armut, Verlust und Sucht aus eigener Anschauung kannte. Diese Authentizität ist im Blues keine Selbstverständlichkeit – und sie ist es, die Strothers Aufnahmen auch heute noch eine besondere Kraft verleiht.
Über seine Herkunft und die Wurzeln des Blues lässt sich dabei auch auf Wikipedia nachlesen, wie tief diese Musik in der Geschichte des amerikanischen Südens verwurzelt ist.
Tod und Vermächtnis
Percy Strother starb am 29. Mai 2005 in Minneapolis an Leberkrebs. Er wurde 58 Jahre alt. Es war dieselbe Stadt, die ihm einst Halt gegeben hatte, die ihm nun auch zur letzten Ruhestätte wurde.
Sein Vermächtnis ist das eines Mannes, der gegen alle Widerstände sein eigenes Leben in Musik verwandelte. Wer seine Alben heute hört, spürt das sofort – diese Unmittelbarkeit, diese Ehrlichkeit, dieses Brennen. Der Blues hat viele Gesichter, und Percy Strothers Gesicht gehört zu den eindrücklichsten darunter.