Frauen in der Blues-Musik: Legendäre Sängerinnen und Künstlerinnen
Der Blues ist eine Musik, die aus dem Schmerz geboren wurde – und es waren Frauen, die ihm erstmals eine Stimme gaben. Lange bevor Robert Johnson seinen legendären Pakt mit dem Teufel an einer Kreuzung angeblich schloss, standen Sängerinnen auf Theaterbühnen des amerikanischen Südens und rissen das Publikum mit einer Leidenschaft und Ausdruckskraft in den Bann, die die Welt noch nie zuvor gehört hatte. Die Geschichte der Frauen im Blues ist eine Geschichte von Mut, Ausnahmetalent und zu oft vergessener Pionierarbeit.
Die Mütter des Blues: Der klassische Blues der 1920er Jahre
Die ersten kommerziellen Blues-Aufnahmen stammten nicht von Männern. Als Mamie Smith 1920 mit Crazy Blues die erste Blues-Schallplatte einspielte, öffnete sie eine Tür, durch die eine ganze Generation großartiger Bluessängerinnen treten sollte. Der Vaudeville-Blues – jene jazzdurchtränkte Spielart des frühen Blues – wurde in den 1920er Jahren maßgeblich von Frauen geprägt und auf die Bühnen der sogenannten Chitlin' Circuit-Theater getragen.
Ma Rainey – Die Mutter des Blues
Gertrude „Ma" Rainey gilt als eine der Begründerinnen des Blues überhaupt. Ihre raue, erdige Stimme trug das Leiden und die Würde ganzer Generationen afroamerikanischer Frauen. Sie tourte durch den Süden der USA, spielte in Zelten und Varieté-Theatern und nahm zwischen 1923 und 1928 über 100 Titel auf – begleitet von Jazzgrößen wie Louis Armstrong und Coleman Hawkins. Dass sie offen mit ihrer Bisexualität umging, machte sie auch in sozialer Hinsicht zur Vorreiterin. Der Ehrentitel „Mutter des Blues" ist bis heute unbestritten.
Ma Rainey war zeitweise auch Mentorin einer jungen Sängerin, die sie eines Tages in den Schatten stellen sollte.
Bessie Smith – Die Kaiserin des Blues
Bessie Smith ist wohl die bekannteste Blues-Sängerin aller Zeiten. Die aus Chattanooga, Tennessee stammende Künstlerin wurde zur meistverkauften schwarzen Künstlerin ihrer Ära und ihr Beiname „Empress of the Blues" ist mehr als verdient. Ihre Stimme war ein Naturphänomen: gewaltig, tiefgründig, voller Nuancen. Stücke wie Downhearted Blues, Nobody Knows You When You're Down and Out oder St. Louis Blues sind zeitlose Meisterwerke, die bis heute gespielt und interpretiert werden.
Smiths Karriere spiegelt gleichzeitig die harte Realität des Lebens als schwarze Künstlerin im Amerika der Rassentrennung wider. Ihr Tod im Jahr 1937 nach einem Autounfall – und die Legenden, die sich darum rankten – wurden zum Symbol für die gesellschaftliche Ungerechtigkeit einer ganzen Epoche. Die Liste der klassischen Bluessängerinnen auf Wikipedia verdeutlicht, wie viele bemerkenswerte Künstlerinnen in dieser goldenen Ära aktiv waren.
Mehr als eine Stimme: Frauen an der Gitarre
Nicht jede Bluesikone dieser Zeit stand nur am Mikrofon. Memphis Minnie – bürgerlicher Name Lizzie Douglas – war eine der gefürchtetsten Gitarristinnen ihrer Generation. Sie spielte den elektrischen Blues mit einer Präzision und Aggression, die selbst von männlichen Kollegen wie Muddy Waters anerkannt wurde. Memphis Minnie schrieb eigene Songs, produzierte ihre Aufnahmen mit und verhandelte ihre Verträge – in einer Zeit, in der Frauen in der Musikindustrie kaum ernst genommen wurden.
Sister Rosetta Tharpe hingegen verband Gospelfeuer mit Blues-Gitarrenarbeit und legte damit Grundsteine für den Rock 'n' Roll. Dass Elvis Presley, Chuck Berry und Little Richard so klingen, wie sie klingen, ist ohne Rosetta Tharpe kaum denkbar. Die Afroamerikanische Musik als Ganzes ist ohne diese Pionierinnen schlicht nicht erklärbar.
Koko Taylor und die Chicagoer Blues-Tradition
Als der Blues in den 1950er und 60er Jahren nach Chicago wanderte und elektrisch wurde, waren es vor allem Männer wie Muddy Waters, Howlin' Wolf und Buddy Guy, die das Bild prägten. Umso bemerkenswerter ist der Aufstieg von Koko Taylor. Mit ihrer erderschütternden Stimme und unbändigen Bühnenenergie wurde sie zur unangefochtenen Königin des Chicago Blues. Ihr 1965er Hit Wang Dang Doodle – geschrieben von Willie Dixon – ist eine Hymne, die nichts von ihrer Wucht verloren hat.
Taylor gewann neun Blues Music Awards und wurde siebenmal als beste Blues-Sängerin des Jahres ausgezeichnet. Bis zu ihrem Tod 2009 trat sie regelmäßig auf und bewies, dass echter Blues keine Frage des Alters ist.
Etta James: Zwischen Blues, Soul und Leidenschaft
Etta James ist schwer in eine einzige Schublade zu stecken – und genau das macht sie so bedeutend. Ihre Karriere begann im Blues, führte über R&B und Soul bis in den Rock und zurück. Stücke wie I'd Rather Go Blind oder At Last haben Generationen von Musikerinnen und Musikern geprägt. James sang mit einer emotionalen Direktheit, die keine Distanz zuließ – ihr Schmerz war echt, ihre Freude war echt, alles war echt.
Ihre turbulente Lebensgeschichte, Kämpfe mit Sucht und persönlichen Dämonen, floss unmittelbar in ihre Musik ein. Das ist Blues in seiner reinsten Form: die Verwandlung von Lebenserfahrung in Kunst.
Frauen im zeitgenössischen Blues
Der Blues lebt – und Frauen spielen darin weiterhin eine zentrale Rolle. Künstlerinnen wie Shemekia Copeland, Tochter des Gitarristen Johnny Copeland, führen die Tradition mit eigener Stimme fort. Ihr soziales Engagement und ihre Bereitschaft, im Blues auch politische Themen anzusprechen, machen sie zur würdigen Nachfolgerin von Ma Rainey und Bessie Smith.
Susan Tedeschi hat sich als Gitarristin und Sängerin international einen Namen gemacht und zeigt, dass das Instrument im Blues für Frauen genauso selbstverständlich ist wie das Mikrofon. Das Tedeschi Trucks Band-Projekt verbindet Blues mit Rock und Jazz auf höchstem Niveau.
Eine unvollständige Geschichte, die weitergeschrieben wird
Die Geschichte der Frauen im Blues ist noch nicht vollständig erzählt. Zu viele Namen wurden vergessen, zu viele Aufnahmen gingen verloren, zu viele Beiträge wurden Männern zugeschrieben. Aber die Stimmen von Bessie Smith, Ma Rainey, Memphis Minnie und all ihren Nachfolgerinnen klingen bis heute weiter – in jedem Gitarrenriff, in jeder rauen Bluesphrase, die echten Schmerz und echte Freude ausdrückt.
Wer Blues hört, hört immer auch diese Frauen. Und das ist gut so.